Der Blick von den Kolibergen auf den Pielinensee könnte Sie süchtig machen

Vorsicht Suchtgefahr

Passen Sie auf, wenn Sie in einem Bildband über Finnland blättern oder das nächste Mal nach Karelien fahren. Der Blick von den Kolibergen auf den Pielinensee könnte Sie süchtig machen – so wie den Autor dieser Geschichte.

Ein Buch hat mein Leben verändert. Klingt dramatisch. War aber so. Es war Mitte der siebziger Jahre, als ich am Schaufenster einer Buchhandlung in meinem bayerischen Heimatort vorbeiging. Und da stand er dann. Ein Bildband über Finnland. Auf dem Cover ein Foto des typischsten aller Finnlandblicke – die Aussicht von den Kolibergen hinab auf den Pielinensee mit seinen Dutzenden Inseln. Eine Landschaft aus Grün und Blau – und weil das Foto im Herbst aufgenommen wurde, auch ganz viel Gelb. Ich war begeistert. Wo immer das war, da wollte ich ihn.
Ich war damals 16 und hatte mit Finnland noch nichts am Hut. Am folgenden Tag stand ich erneut vor dem Laden. Ich hatte mein knappes Taschengeld zusammengekratzt und kaufte das Buch. Noch im Schulbus, auf dem Weg nach Hause, blätterte ich den Band durch. Und als ich alle Seiten durchhatte, war ich Finnlandfan. In den folgenden Tagen kaufte ich mir ein paar Reiseführer und ein Kursbuch mit den Fahrplänen der Finnischen Bahn.

Herbst Blick auf Pielinen.jpg

Und dann kam er endlich – der nächste Sommer. Die Welt stand mir offen und ich wählte Finnland. Wie alle meine Freunde machte ich mich mit dem Interrailticket in der Tasche und dem Rucksack auf dem Rücken auf den Weg. Die Kumpels reisten nach Italien, Griechenland oder Spanien. Mein Ziel aber hieß Finnland, oder genauer gesagt Karelien. Denn ich wollte exakt dorthin, wo das Titelbild des Bildbands aufgenommen worden war. Und ich war nicht allein, denn seit dem Kauf des Buches hatte ich ein halbes Jahr Zeit gehabt, um Ruth, meine erste Freundin, zu überzeugen, dass Finnland das Land unserer Sommerferien werden sollte. Danke Ruth. Wir haben im Zelt übernachtet, am Ufer namenloser Seen und mitten im Wald. Und dann, endlich am Ziel angekommen, in der Jugendherberge in Vuonislahti, einem roten Haus, nur wenige Meter vom Pielinen entfernt. Dort haben wir ein Boot gemietet und sind hinübergerudert ans andere Ufer, dorthin, wo das Ziel meiner Träume lag, dorthin, wo die Koliberge lagen. Wir stiegen den Hang bergan und standen bald am Gipfel des Ukko-Koli, dem Ort, an dem das Foto aufgenommen worden war, das mein ganzes Leben verändern sollte.

In meiner Erinnerung war dieser Sommer Mitte der siebziger Jahre ein besonderer Sommer, einer voller Sonnenschein und Glück. Hätte ich ein Land erschaffen können, so hätte es ausgesehen wie Nordkarelien im Sommer. Ein Land voller Seen mit Inseln und eines, an dem an jedem Ufer eine Sauna steht.

Mir war klar, ich würde wiederkommen. Im nächsten Jahr, mit Interrail. Und im übernächsten auch. Irgendwann war dann Ruth nicht mehr dabei, die Liebe zu Finnland aber ist geblieben.

 

Back to the roots

”Autor Rasso Knoller”.jpgAutor Rasso Knoller

„Die Neutralitätspolitik Finnlands im finnisch-sowjetischen Fortsetzungskrieg“ – Ein sprödes Thema. Nicht für einen Finnlandfan, der ich inzwischen war. So jedenfalls lautete der Titel meiner Abschlussarbeit an der Schule. Dass man mit einer solchen Arbeit hervorragende Abiturnoten bekommt, ist ja wohl klar.


An dieser Stelle gilt es nun, ein Geständnis zu machen. Auf meinen vielen Zugfahrten Richtung Finnland hatte ich festgestellt, dass auch das Nachbarland Schweden schön ist, und weil ich mir nicht zutraute, Finnisch zu lernen, habe ich Skandinavistik studiert und Schwedisch gelernt. Deswegen hier schnell der Sprung zum Ende des Studiums. Wieder ein Zufall, eine Anzeige, die ich in einer Zeitung entdeckte und in der ein Redakteur für Radio Finnland gesucht wurde – den deutschsprachigen Auslandsfunk des Finnischen Rundfunks. Die Stelle jedenfalls habe ich bekommen. Vermutlich wollte sie einfach keiner so sehr wie ich.


Inzwischen lebe ich – nach einem Umweg über Norwegen – wieder in Deutschland und arbeite hier als Journalist mit Schwerpunkt Nordeuropa. Ich habe bestimmt zwei Dutzend Bücher über Finnland geschrieben – und ja, ich gebe es zu, über Schweden und Norwegen auch. Nach wie vor bin ich jedes Jahr zwei, dreimal in Finnland – und manchmal auch in Schweden und Norwegen. Der Norden wurde mein Leben, und alles wegen eines Buches, das ich zufällig in der Auslage eines Buchladens entdeckte und auf dessen Cover der Pielinensee im Herbst zu sehen war.


Jetzt, mehr als 40 Jahre später, stehe ich wieder auf dem Gipfel des Ukko-Koli und blicke runter auf den Pielinen und seine Inseln. Die Welt ist weitergezogen, vieles hat sich verändert, ein ganzes Leben ist gelebt. Und doch bietet sich mir, so als hätte ich eine Zeitreise gemacht, dasselbe Bild wie auf dem alten Buchcover aus den Siebzigern – der Pielinen mit seinen Inseln, eine Symphonie in Blau und Grün, und weil es auch diesmal wieder Herbst ist, mit viel Gelb dazwischen.

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